Page 3 - Albrecht Wild
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DAS PRINZIP DER ANEIGNUNG                                     Bei uns weniger bekannt sind die Assimilationen, mit denen man   Alles das wird in den Arbeiten Albrecht Wilds durch die Auswahl,
                                                                                                                               die Trinkkultur des Westens den kulturellen Gewohnheiten in Ja-  die Fragmentierung und die Neukombination und Überarbeitung
                                                                 KULTURELLER INFORMATIONS-                                     pan angepasst hat. Schon in den Maschinen der Fluggesellschaften,   der Teile des gesammelten Materials ersetzt. Dies entspricht dem

                                                                 TRÄGER:                                                       die westliche Besucher in den fernen Osten bringen, wurden die   Prinzip der Aneignung von kulturellen Informationsträgern. Dabei
                                                                                                                               übernommene funktionale Form des Bierdeckels mit traditionellen
                                                                                                                                                                                      entsteht bei der Bildfindung auch jeweils ein neues, eigenes Format.
                                                                 zu den Werken von Albrecht Wild









                                                                 1. Der Bierdeckel als Träger der trivialen Alltagskultur

                                                                 Der Bierdeckel ist ein vielschichtiger Filz, nicht nur was seine saug-
                                                                 fähige, materielle Beschaffenheit  angeht,  sondern er  ist  auch als
                                                                 Projektionsfläche kultureller Bedeutungen äußerst vielschichtig.


                                                                 Auf den ersten Blick ist die Gestaltung dieser Untersetzer für Trink-
                                                                 gläser auf den marketingstrategischen, also ökonomischen Erfolg
                                                                 ausgerichtet. Dieses Alltagsobjekt mit praktischer Funktion ist da-
                                                                 durch jedoch auch ein wichtiges, aber unauffälliges Medium für
                                                                 kulturelle Informationen. Der Bierdeckel ist ein Bedeutungsträger.

                                                                 Am stärksten verbinden wir jedoch mit dem Bierdeckel den männ-
                                                                 lichen Blick, der durch eine mehr oder weniger große Restmenge
                                                                 Bier  und  den  dazwischenliegenden  Glasboden  auf  die  typografi-
                                                                 sche, motivische und figurative Gestaltung der Filzuntersetzer geht.
                                                                 Daher ist es nicht verwunderlich, dass Figuren auf diesen gestalte-
                                                                 ten Flächen fast immer weiblich sind. In den Darstellungen treten
                                                                 Frauen meist als fröhliche Serviererinnen in traditionellen Gewän-
                                                                 dern auf.                                                     japanischen Motiven verbunden. Pausbäckige deutsche Serviererin-  Die Größe des Bildes und der Verlauf seiner Ränder entwickeln sich
                                                                                                                               nen mit Trachtenhut wurden durch japanische Geishas ersetzt, die   jeweils aus der Kombinatorik der Einzelteile und ihrer Verarbeitung.
                                                                 Dieses Rollenverständnis zeigt, dass die Gestaltung von Bierdeckeln   ebenfalls einem konservativen, aber eben auch einem klischeehaf-
                                                                 kulturelle Leitplanken von Weltbildern repräsentiert, die oftmals aus   ten, von Neuankömmlingen leicht zu entschlüsselnden kulturellen   Dieses brutalistische Prinzip wurde schon in Wilds Graumalerei der
                                                                 vor-demokratischen Epochen bis ins einundzwanzigste Jahrhundert   Codex entsprachen.                                 Neunzehnhundertachtziger Jahre sichtbar, bei der das rechteckige
                                                                 reichen. Das Bild des Bierfilzes, der auf deutschen Stammtischen                                                     Format verlassen wurde, und die Außenformen der Leinwände -   Duchamp entwickelte die künstlerische Strategie des Ready Mades,   der Information, sowie ihre Herstellung, ihre Verbreitungswege und
                                                                 liegt, erfüllt nicht nur den Wunsch, dass das Runde ins Eckige muss,                                                 meist aus abstrakten Kreissegmenten - als Teil seiner Bildkompositi-  indem er Objekte aus der industriellen Massenproduktion, die nach   ihre Rezeption (die Art, wie sie gelesen werden).
                                                                 sondern mit diesem Bild wird das Gefühl des Bodenständischen und   3. Aneignung und Kontextualisierung als           onen genauso wie die Formen in der Bildfläche selbst vom Künstler   der Gestaltung eines beauftragten Designers geformt und in Serien
                                                                 des „Normalen“ verbunden. Und je stärker sich jemand im Main-    künstlerische Strategie                             definiert und bearbeitet wurden.                              hergestellt worden waren, in den Kontext von Kunstgalerien, Mu-  Ganz konkret handelt es sich dabei um die Druckerzeugnisse der
                                                                 stream des „Normalen“ bewegt, desto mächtiger fühlt er sich.                                                                                                                       seen, Ausstellungen und Sammlungen, und damit in den künstleri-  Massenkultur, um Marketingartikel der Hersteller und Unterneh-
                                                                                                                               Bierdeckel in einer Kunstgalerie verleiten uns deshalb zum Schmun-  Um an sein mediales Rohmaterial heranzukommen agiert Albrecht   schen Fachdiskurs einbrachte. Er stellte damit die Qualität und Ob-  men, beispielsweise um die Plakate, die für Produktserien, ebenso
                                                                                                                               zeln, weil sie Gewohntes gegen Ungewohntes vertauschen. Sie   Wild nicht nur auf der Ebene des Sammelns und des Auswählens,   jektivität dieses Fachdiskurses und der darin enthaltenen Kunstkritik   wie für die Events von Kulturinstituten wie Museen, Kunsthallen
                                                                 2. Der Bierdeckel als Beispiel für das Phänomen der           entsprechen damit der Strategie der Verfremdung und stehen aber   also in den Prozessen der persönlichen Entscheidungen. Es ist auch   in Frage. Akademisch ausgebildete und erfahrene Fachleute sahen   oder Galerien oder Verlagen werben.
                                                                   wechselseitigen Vereinnahmung von fernöstlicher             auch für einen Positionswechsel des Künstlers, der diese Arbeiten   das unvorhersehbare Sammlerschicksal, das zufallsgesteuert zum   sich plötzlich mit Konsumobjekten konfrontiert, die normalerweise
                                                                   und westlicher Kultur.                                      konzipiert und produziert hat.                         individuellen Erfolg führt, wenn der Künstler bestimmte Objekte   von künstlerischen Laien im Rahmen einer trivialen Kaufentschei-  Diese agieren in einem wesentlich komplexeren Feld der unbewuss-
                                                                                                                                                                                      findet, über Kontakte im Internet bekommt oder auf seinen Reisen   dung nach persönlichem Geschmack ausgewählt wurden.    ten Kommunikation als die Readymades des Industriezeitalters. Die
                                                                 Im Westen wurden in den 1960er Jahren die japanische Teezere-  Auf der Bedeutungsebene bricht die Verwendung fertiger Kultur-  erhält und einbehält.                                                                                      auf ihnen verbreitete Information hat ihren eigenen Mehrwert, in-
                                                                 monie als Symbol für eine differenzierte Hochkultur entdeckt, und   produkte mit der Vorstellung, dass Kunst die Wirklichkeit darstellt.                                                                                                  dem sie auf immaterielle Momente der Massenkultur und der Auf-
                                                                 die Kampfsportarten Judo und Karate mit der damit verbundenen   Sie bringt stattdessen Teile der Wirklichkeit selbst in die Arbeit hi-  Alle diese Aspekte im Werk von Albrecht Wild stehen damit inso-  4. Vereinnahmung und Individualisierung   merksamkeitsökonomie verweist, die in den Händen des Künstlers
                                                                 emotionalen Selbstkontrolle zu einem generellen Lebens- und Er-  nein.                                               weit exemplarisch für eine Positionsänderung der künstlerischen Ar-    von Massenphänomenen                          kreativ zerstört werden und dann zu neuen, individualisierten und
                                                                 folgsrezept mystifiziert. Weltweit werden heute Meditationsprakti-                                                   beit, wie sie die traditionellen Ziele der Welterklärung durch Kunst                                                 nicht instrumentalisierbaren Bildwelten aufgebaut werden. Alb-
                                                                 ken des Zenbuddhismus mit neuesten Erkenntnissen der Neurologie   In materieller Hinsicht ersetzen Plakate und Bierdeckel als Bildträger   verlässt und auf eine höhere Bedeutungsebene, der Metaebene des   Albrecht Wild hat diesen Weg für sich weiterentwickelt: Er sammelt   recht Wild behauptet sich als Individuum in einer gleichgerichtet
                                                                 und Gehirnforschung zu einer globalisierten Achtsamkeitsphiloso-  die vielleicht erwarteten Leinwandrahmen und Monitore. Zudem   Diskurses über Kunst und Kultur, aufrückt und diesen be- und ver-  und wählt die Readymades der kulturellen Produktion als Rohma-  denkenden Informationsgesellschaft.
                                                                 phie verbunden.                                               fehlen das eigens entwickelte inhaltliche Motiv und die formalen   arbeitet. Die Tradition dieser Denk- und Arbeitsweise beginnt mit   terial, als found footage für seine Arbeit aus. Der Begriff Readyma-
                                                                                                                               Parameter der freien Komposition, des absichtsvollen Farbeinsatzes   den objet trouvé des französischen Künstlers Marcel Duchamp in   de bezieht sich hier nicht mehr nur auf die kulturellen Inhalte und   Kai Bauer 2019
                                                                                                                               oder die individuelle Handschrift des Künstlers.       den Neunzehnhundertzehner Jahren.                             Motive (die Geishas), sondern vor allem auf die Medien als Träger



                                                                Albrecht Wild, Mon Mon, 2018, Acryl, Öl, Hammerite Gold-Lack, Bitumen und Collagen auf Nessel, 150 x 150 cm.
                                                                Ausstellung „Cut & Paste“ im KVFM Kunstverein Familie Montez, Frankfurt am Main, 2018 (Foto: Horst Ziegenfusz)
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