Page 3 - Bean Finneran
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BAUEN UND ZERSTÖREN, WERDEN UND VERGEHEN:
           Die Skulpturen der Künstlerin Bean Finneran










           Schauen wir zurück auf die Geschichte der Skulptur, stellen wir fest, dass die Künstler vor allem während der letzten einhundert Jahre
           immer wieder neue Materialien zur Herstellung von Skulpturen herangezogen haben. Viele Jahrhunderte lang, bis weit in das 19.
           Jahrhundert hinein, wurden Skulpturen vor allem aus Bronze oder unterschiedlichen Gesteinen (Marmor, Granit) gefertigt. Zu Beginn
           des 20. Jahrhunderts wurde – vor allem für die Deutschen Expressionisten – Holz zu einem wichtigen Werkstoff, am Bauhaus wurden
           vereinzelt Glas und Kunststoffe benutzt und Marcel Duchamp erklärte einen Flaschentrockner zum Kunstobjekt.





















                                                                                                                                  handgerollten, leicht gebogenen Keramikstäben, die Finneran   Genauso verhält es sich mit den Skulpturen Finnerans: Aus der
                                                                                                                                  „curves“ (Kurven, Bögen) nennt. Aus diesem Grundmodul baut   Nähe betrachtet gleicht kein Stab dem anderen. Besonders in
                                                                                                                                  sie  unterschiedlich geformte und beliebig große Skulpturen. Je   der Länge wird variiert. Je größer eine Skulptur werden soll,
                                                                                                                                  größer die Skulptur, umso mehr „curves“ werden benötigt. Die   umso länger und dicker müssen die Stäbe sein.
                                                                                                                                  Skulpturen werden nicht von einem inneren Gerüst getragen,
                                                                                                                                  und es gibt auch keinen Styroporring oder Ähnliches, in den   Jedes verwendete Element geht zuvor mindestens zweimal
                                                                                                                                  die Keramikstäbe hineingesteckt werden.               durch die Hand der Künstlerin: wenn es geformt wird, falls es
                                                                                                                                                                                        eine Glasur bekommt und schließlich wenn es bemalt wird.
                                                                                                                                  Die Grundform der Skulptur, beispielsweise ein Oval, wird mit   Von automatisierter Massenproduktion kann also nicht die
                                                                                                                                  einer Schicht Stäbe angelegt, die flach auf den Boden gelegt   Rede sein, zumal das Material Ton für Finneran ganz eng mit
                                                                                                                                  werden. Dann beginnt die Künstlerin, kleine Bündel der kurvi-  der Erde und der menschlichen Kultur verbunden ist.  Aus
                                                                                                                                  gen Keramikstäbe ineinander zu stecken. Einmal in der Verti-  handgeformten Elementen entstehen abstrakte, geometrische
                                                                                                                                  kalen angekommen, wächst die Skulptur, indem die Künstlerin   Skulpturen, die aber wiederum nichts Starres haben, sondern
                                                                                                                                  immer weiter Stäbchen in die vorhandene Grundkonstruktion   lebendig aussehen und an pflanzliches Wachstum erinnern.
                                                                                                                                  hineinsteckt. Die tatsächliche, endgültige Position der Stäbe   Die Skulpturen sind einerseits kompakte Körper, die sich im
                                                                                                                                  kann die Künstlerin nicht steuern, da die „curves“ durch ihr   Raum behaupten, sind andererseits aber modular aufgebaut
                                                                                                                                  Eigengewicht in die entsprechende Position gleiten. Der Zu-  und müssen, wenn man ihren Standort verändern möchte,
                                                                                                                                  fall ist hier folglich als Gestalter mit von der Partie. Die leicht   komplett zerlegt und neu aufgebaut werden.
                                                                                                                                  gebogene Form führt dazu, dass sich die Einzelelemente fest
           Nach dem Zweiten Weltkrieg war es für Künstler besonders   Jahren entscheiden sich viele Künstler für Papier, Glas oder   ineinander verhaken. Die Künstlerin steckt nun so lange weite-  Aus den Gegensatzpaaren stabil – labil, geometrisch – orga-
           spannend und ergiebig, mit wiederum neuen Kunststoffen zu   Keramik. Aus diesen fragilen Materialien – vor allem Papier mit   re Stäbe in die Skulptur, bis diese die gewünschte Größe und   nisch, seriell – handgemacht, hart – weich, kompakt – mo-
           experimentieren. Verschiedene Schaumstoffe und gummiarti-  dauerhafter Skulptur in Verbindung zu bringen, fällt schwer –   Form erreicht hat.                                dular ziehen die Arbeiten Bean Finnerans ihre Spannung.
           ge Materialien hielten Einzug in die Skulpturproduktion, eben-  werden großformatige, zum Teil an Installationen grenzende                                                   Aus harten, zerbrechlichen, handgeformten Grundelementen
           so Textilien, Schrott und Alltagsgegenstände. Diter Roth be-  Arbeiten geschaffen, denken wir an Karla Black (Papier) oder   Die unglaubliche Menge an Stäben, aus der eine Skulptur von   entstehen organische, in ihrer Kleinteiligkeit seriell wirkende
           gann, mit Schokolade und Käse zu arbeiten. Der ursprüngliche   Richard Deacon (Keramik).                               Finneran besteht – bei kleinen Skulpturen sind es etwa 400   geometrische Körper. Industrielle und natürliche Anmutung
           Anspruch an Skulptur, sie müsse sozusagen für die Ewigkeit                                                             „curves“, bei großen bis zu mehreren zehntausend –, lässt an   durchdringen sich: Wird man einerseits an Seeanemonen oder
           gemacht sein und viele Jahrhunderte überdauern, verschwand   Im Kontext dieser aktuellen Entwicklung steht auch das Werk   Massenproduktion denken; es handelt sich aber um mühsam   Antheren erinnert, fragt man sich andererseits, ob die Skulp-
           im 20. Jahrhundert, da eine Skulptur nun nicht mehr eine Per-  der amerikanischen Bildhauerin Bean Finneran. Sie hat vor   mit der Hand gefertigte Einzelstücke. Die Herstellung unend-  turen vielleicht aus weichen Gummischläuchen bestehen. Mit
           son (Herrscher), einen Staat oder einen konkreten Wert (Stär-  über 20 Jahren Keramik als Material für sich entdeckt und er-  lich vieler „curves“ ist für Finneran eine Art Meditation auf   gebranntem Ton würde man sie zunächst nicht in Verbindung
           ke, Tugendhaftigkeit etc.) verkörperte, sondern vor allem Aus-  schafft seitdem beeindruckende, großformatige Arbeiten. Alle   die Vielfältigkeit der Natur – auch die Grashalme einer Wiese   bringen.
           druck einer künstlerischen Idee war. Seit ungefähr fünfzehn   Skulpturen bestehen aus ein und demselben Grundmodul: aus
                                                                                                                                  sind nicht identisch, obwohl sie ein einheitliches Bild ergeben.
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