Page 10 - Günter Beier: Terra cognita
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Terra incognita war Amerika bis vor rund 500 Jahren.

          Heute betrachten wir den ganzen Erdkreis und Teile anderer Planeten so-
          wie selbst das Genom ganz selbstverständlich als Terra cognita. Doch dann
          kommt ein Bandit mit Namen SARS-CoV-2, welcher wie der Tarnname einer
          Figur bei Frank Schätzing klingt, und macht die Erde über Nacht eng. Man
          verschanzt und vermummt sich, und manchmal befällt uns ein ungewisses
          Erinnern, dass die Welt einmal anders gewesen ist. Ersetzt man in Zweigs
          Zeilen die wilden Völker aus dem Osten mit dem gefährlichen Virus aus Wu-
          han, so fühlen wir uns augenblicklich in die Gegenwart katapultiert bei der
          Lektüre der sengenden Worte, die im vorigen Jahrhundert von einem Groß-
          meister der literarischen Verlebendigung seiner eigenen Epoche und der ge-
          schichtlichen Umbrüche gewählt wurden.

          Wenn Touristen fehlen, sterben die Elefanten. Nicht nur in Thailand. Coro-
          na läutet die Alarmglocke. Bleiben Besucher aus, so hieß es dieser Tage
          in einer verstörenden Meldung, müssen die Besitzer sie verkaufen – oder
          setzen die Tiere aus. Alles hängt mit allem zusammen auf unserem durch-
          getakteten, bis ins Kleinste vernetzten Planeten: Gerade können wir sehen,
          was eine winzige in China ausgebüxte Struktur, die noch nicht einmal als
          Lebewesen gilt, auf der ganzen Welt anrichtet. Der sprichwörtliche umgefal-
          lene Sack Reis.



          Günter Beier vermisst die „Terra cognita“ wie wir sie kennen.

          Wird die Erde nunmehr erneut – partiell und gar für nachfolgende Genera-
          tionen – zur Terra incognita, weil man Dinge, Länder, exotische Tiere und
          gesellschaftliche Zustände nicht mehr mit eigenen Augen sehen, Fremden
          nicht mehr in ihrem eigenen Land begegnen kann? Am 27. September war
          Welttourismustag. Erstmals in dessen 40jähriger Geschichte ist der Welt-
          tourismus aus den Fugen geraten.

          Fakt ist derweil ebenso: Es ist unmöglich, fremde Gewohnheiten und Vor-
          stellungen – ja, selbst den hierzulande leicht kritisierbaren Waffenwahn in
          Amerika – zu verstehen, wenn man nicht vor Ort unterwegs ist. Wer nicht in
          andere Kulturen hinein sieht, hört, riecht und schmeckt, der erfährt nichts,





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