Page 9 - Mary Bauermeister - No fighting on Christmas
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Politik, Fluxus, Wiesbaden und die Welt
                                 Erika Davis-Klemm





                                 Im April 2016 besuchte ich eine Ausstellungseröffnung im Kunstverein   wonnen. Oder doch? Denn bei dieser Gelegenheit lernte ich Mary Bau-
                                 Bellevue-Saal in Wiesbaden. Dort traf ich Ben Patterson, Fluxus-Künst-  ermeister kennen. Sie kam in Begleitung von Hauke Ohls, der erzählte,
                                 ler, Ikone der Stadt Wiesbaden und, wie ich, amerikanischer Staats-  dass er an ihrem Werkverzeichnis arbeite – und dass es gar nicht so
                                 bürger. Wir haben uns unterhalten – in unserer beider Muttersprache   einfach sei, herauszubekommen, wo in den Vereinigten Staaten ihre
                                 – und natürlich kamen wir auf den US-Wahlkampf zu sprechen, insbe-  vielen Werke verblieben sind. So erzählte ich den Beiden, dass ich
                                 sondere auf den damals noch potentiellen Kandidaten der Republika-  wusste, wo sich ein Linsenkasten von ihr befindet, denn ich hatte das
                                 ner, dessen Name ich hier in diesem Katalog nicht verewigen möchte.   schöne Stück einige Jahre zuvor in Kalifornien gesehen.
                                 Ben und ich waren uns einig, dass es für uns unvorstellbar sei, dass   Jedenfalls stellte ich wenig später den Kontakt nach Kalifornien her,
                                 dieser Mann Präsident der Vereinigten Staaten werden könnte.      und Mary Bauermeister lud uns ein, sie in Forsbach bei Köln zu be-
                                 Ben Patterson starb überraschend am 25. Juni 2016. Er musste nicht   suchen. Am 28. Oktober 2016 waren wir zum ersten Mal in ihrem
                                 erleben,  wen  die  Republikaner  im  Juli  zum  Kandidaten  ihrer  Partei   wunderbaren musealen Haus. Bei diesem Treffen, bei dem wir uns
                                 wählten, und wer im November 2016 tatsächlich die Wahl gewann. Er   auch über US-Politik unterhielten, schlug sie zu diesem Thema pas-
                                 musste auch nicht diesen Präsidenten ertragen, der schon im Wahl-  send eine Ausstellung mit Zeichnungen vor, die sie zwischen 1967
                                 kampf offen mit rassistischen Gruppierungen in den USA geflirtet hat   und 1971 bei ihren Arbeitsaufenthalten in den USA angefertigt hatte,
                                 und diese dann auch später bei Ausschreitungen und einem Mord in   eine  Zeit,  die  u.a.  vom Vietnam-Krieg  und  den  damit  verbundenen
                                 Virginia in Schutz nahm.                                          Protesten, der Bürgerrechtsbewegung, den Hippies und verschiedenen
                                 Vor seinem Tod arbeitete Ben Patterson an einem Buch mit, das zur   bewusstseinserweiternden Erfahrungen  - ob transzendentaler Medit-
                                 documenta 2017 erscheinen sollte – nämlich „A Fluxus Family Portrait   ation, Drogen oder einer Kombination aus diesen - geprägt war. Nicht
                                 Album“ von Kerstin Skrobanek (Autorin) und Wolfgang Träger (Foto-  zu vergessen auch eine Zeit, in der das Medium Fernsehen eine immer
                                 graf). Um dieses Buchprojekt zu finanzieren, wurden Lose verkauft. Der   größere Rolle spielte, um Bilder und Inhalte zu transportieren.
                                 Hauptgewinn war die Aufnahme in die Fluxus-Familie durch ein Foto   So kam es, dass diese Zeichnungen nun fünfzig Jahre später zum ers-
                                 im Buch. Die Tombola-Ziehung sollte in der Wiesbadener Spielbank   ten Mal ausgestellt werden. „No Fighting on Christmas. The air-conditi-
                                 am 2. September 2016 stattfinden, am 54. Jahrestag der „Festspiele   oned nightmare“ – einen passenderen Titel konnte es für den „ganzen
                                 Neuester Musik“ – quasi die Geburtsstunde der Fluxus-Bewegung in   damaligen Unsinn“ (O-Ton Bauermeisters) nicht geben. Eine Ausstel-
                                 Deutschland. Nun wurde die Tombola eingebettet in eine Trauerfeier   lung ganz im Sinne von Fluxus.
                                 für Ben Patterson – sehr Fluxus-mäßig – mit anschließendem „get to-
                                 gether“ im Nassauischem Kunstverein, sozusagen Pattersons zweiter   Erika Davis-Klemm
                                 Wohnsitz in Wiesbaden.
                                 Im Gegensatz zu Christo, der zwar nicht in der Spielbank war, aber   Danke an:
                                 reichlich Lose gekauft hatte und schöne von Patterson umgestalte-  Dr. Kerstin Skrobanek
                                                                                                   Simon Stockhausen
                                 te Produkte gewann (Uncle Ben’s Rice und Heinz Ketchup Flaschen   Ben Patterson posthum
                                 mit neuen Etiketten) und Walther König, der Kölner Buchhändler und   Hauke Ohls
                                                                                                   und natürlich auch an die „Fluxus-Diva“ (Wiesbadener Kurier) aka „Ms. Cornflakes“
                                 Verleger, der – na, wer ahnt es? – Bücher gewann, habe ich nichts ge-  (siehe Text von Kerstin Skrobanek) Mary Bauermeister

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